Nahrungsergänzungsmittel: Was die Wissenschaft sagt
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Das Fundament zuerst
Supplements sind genau das: Ergänzungen. Keine Pille ersetzt eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmässiges Training.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Blumberg et al. (2017) betont: Nahrungsergänzungsmittel sollten Lücken schliessen, nicht als primäre Nährstoffquelle dienen.
Kategorie A: Gut untersucht, evidenzbasiert
Vitamin D
Evidenz: Eine Meta-Analyse von Autier et al. (2017) analysierte 290 Studien. Vitamin-D-Supplementierung reduziert das Risiko für respiratorische Infektionen und verbessert die Muskelkraft bei Menschen mit Mangel.
Bedarf in der Schweiz: Das BAG schätzt, dass 50–60% der Bevölkerung im Winter suboptimale Vitamin-D-Werte haben.
Dosierung: 1000–2000 IE täglich. Bei schwerem Mangel (Bluttest empfohlen) kurzfristig höhere Dosen unter ärztlicher Aufsicht.
Kreatin
Evidenz: Kreatin ist eines der am besten erforschten Supplements überhaupt. Eine Meta-Analyse von Rawson & Volek (2003) im Journal of Strength and Conditioning Research fand:
- Kraftsteigerung: +8% im Vergleich zu Placebo
- Muskelmasse: +0,36 kg pro Woche Trainingszeit
Der ISSN Position Stand (Kreider et al., 2017) bestätigt die Sicherheit auch bei Langzeiteinnahme.
Dosierung: 3–5 g Kreatin-Monohydrat täglich. Ladephase nicht notwendig.
Mythos: Kreatin verursacht keinen Haarausfall. Die einzige Studie, die dies nahelegte (van der Merwe, 2009), hatte methodische Schwächen und konnte nicht repliziert werden.
Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA)
Evidenz: Eine Cochrane-Review von Abdelhamid et al. (2018) analysierte 79 Studien. Omega-3-Supplementierung reduziert Triglyzeride und hat wahrscheinlich positive Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit.
Für wen: Personen mit geringem Fischkonsum (<2 Portionen fetter Fisch pro Woche).
Dosierung: 1–2 g EPA+DHA täglich. Auf Qualität achten (Oxidation vermeiden).
Proteinpulver
Evidenz: Eine Meta-Analyse von Morton et al. (2018) bestätigt: Proteinergänzung in Kombination mit Krafttraining erhöht Muskelmasse und Kraft signifikant.
Für wen: Personen, die ihren Proteinbedarf (1,6–2,2 g/kg) schwer über normale Mahlzeiten decken.
Worauf achten:
- Wenige Zusatzstoffe
- Keine künstlichen Süssstoffe
- Bei pflanzlichen Proteinen: Kombination verschiedener Quellen
Koffein
Evidenz: Eine Meta-Analyse von Grgic et al. (2020) fand signifikante Verbesserungen in Kraft, Ausdauer und Leistung durch Koffein.
Dosierung: 3–6 mg/kg Körpergewicht, 30–60 Minuten vor dem Training.
Limitierung: Toleranzentwicklung bei täglichem Konsum. Regelmässige Pausen können die Wirkung erhalten.
Kategorie B: Situationsabhängig
Vitamin B12
Für wen: Veganer (zwingend), Vegetarier (empfohlen), Ältere (Aufnahme nimmt ab).
Evidenz: B12-Mangel kann zu irreversiblen neurologischen Schäden führen. Bei pflanzlicher Ernährung ist Supplementierung nicht optional.
Eisen
Wichtig: Nur bei nachgewiesenem Mangel supplementieren. Überschüssiges Eisen kann oxidativen Stress verursachen (Galaris et al., 2019).
Für wen: Menstruierende Frauen, Ausdauersportler, Vegetarier/Veganer – nach Bluttest.
Magnesium
Evidenz: Eine systematische Übersichtsarbeit von Boyle et al. (2017) fand moderate Evidenz für Magnesium bei Schlafproblemen.
Für wen: Sportlich aktive Personen (erhöhter Bedarf), Menschen mit Stress oder Schlafproblemen.
Dosierung: 200–400 mg täglich, vorzugsweise abends. Citrat oder Glycinat werden besser aufgenommen als Oxid.
Kategorie C: Überbewertet oder nicht evidenzbasiert
BCAAs
Realität: Wenn du genügend Protein isst, bieten isolierte BCAAs keinen Zusatznutzen. Eine Meta-Analyse von Wolfe (2017) bestätigt: Vollständige Proteinquellen sind BCAAs überlegen.
”Fatburner”
Realität: Die meisten Fatburner enthalten primär Koffein. Die beworbenen “thermogenen” Effekte anderer Inhaltsstoffe sind in Studien minimal bis nicht existent.
Testosteron-Booster
Realität: Kein legales Supplement erhöht Testosteron signifikant bei gesunden Menschen mit normalen Werten. Studien zu Tribulus, D-Asparaginsäure und ähnlichen Substanzen zeigen keine klinisch relevanten Effekte (Qureshi et al., 2014).
Kollagen-Peptide
Realität: Die Evidenz ist gemischt. Kollagen wird im Verdauungstrakt in Aminosäuren zerlegt. Einige Studien zeigen positive Effekte auf Haut und Gelenke, aber die Qualität der Studien ist oft limitiert.
Multivitamine
Realität: Eine grosse Studie (Physicians’ Health Study II) fand keinen Nutzen von Multivitaminen für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs bei gut ernährten Erwachsenen (Sesso et al., 2012).
Gezielte Einzelsupplements bei nachgewiesenem Mangel sind effektiver.
Qualitätsmerkmale
Achte auf:
- Transparente Dosierungsangaben
- Unabhängige Qualitätszertifikate (z.B. Informed Sport, NSF)
- Keine “Proprietary Blends” (versteckte Dosierungen)
- Realistische, nicht übertriebene Claims
Fazit
Die evidenzbasierte Supplement-Liste für die meisten Menschen ist kurz:
- Vitamin D (Oktober–März in unseren Breitengraden)
- Proteinpulver (bei Bedarf zur Bedarfsdeckung)
- Kreatin (für Kraftsport)
- Omega-3 (bei geringem Fischkonsum)
Alles andere ist situationsabhängig oder Marketing. Investiere zuerst in hochwertige Lebensmittel, guten Schlaf und ein durchdachtes Training.
Quellen:
- Kreider RB et al. (2017). International Society of Sports Nutrition position stand: safety and efficacy of creatine supplementation. Journal of the International Society of Sports Nutrition.
- Morton RW et al. (2018). A systematic review of protein supplementation on resistance training-induced gains. British Journal of Sports Medicine.
- Grgic J et al. (2020). Wake up and smell the coffee: caffeine supplementation and exercise performance. British Journal of Sports Medicine.
- Autier P et al. (2017). Vitamin D status and ill health: a systematic review. The Lancet Diabetes & Endocrinology.
- Sesso HD et al. (2012). Multivitamins in the prevention of cardiovascular disease in men. JAMA.
Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschliesslich zu Bildungszwecken und ersetzen keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen konsultiere bitte eine Fachperson.