Ausdauer und Kraft kombinieren: Der Interferenz-Effekt
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Die Frage nach der Balance
Cardio oder Kraft? Die Frage ist falsch gestellt. Beide Trainingsformen haben ihre Berechtigung – und die Forschung zeigt, wie man sie optimal kombiniert.
Der Interferenz-Effekt
1980 veröffentlichte Robert Hickson eine Studie, die zeigte: Gleichzeitiges Ausdauer- und Krafttraining kann die Kraftzuwächse reduzieren. Dieses Phänomen heisst “Interference Effect” oder “Concurrent Training Effect”.
Molekulare Erklärung
Ausdauer- und Krafttraining aktivieren unterschiedliche Signalwege:
- Krafttraining: mTOR-Weg → Muskelproteinsynthese → Hypertrophie
- Ausdauertraining: AMPK-Weg → Mitochondrienbiogenese → Ausdaueranpassungen
AMPK kann mTOR hemmen – daher die potenzielle Interferenz.
Wie stark ist der Effekt wirklich?
Eine Meta-Analyse von Wilson et al. (2012) im Journal of Strength and Conditioning Research fand:
- Hypertrophie: Kein signifikanter Unterschied
- Maximalkraft: Leicht reduziert (-5–10%)
- Kraftausdauer: Signifikant reduziert
Wichtig: Der Effekt ist bei moderaten Trainingsvolumina gering. FĂĽr die meisten Freizeitsportler ist er praktisch irrelevant.
Praktische Optimierung
1. Zeitliche Trennung
Eine Studie von Robineau et al. (2016) untersuchte den optimalen Abstand zwischen Einheiten:
- <6 Stunden Abstand: Deutliche Interferenz
- >8 Stunden Abstand: Minimale Interferenz
- 24 Stunden Abstand: Keine messbare Interferenz
Empfehlung: Wenn möglich, Kraft- und Ausdauertraining an verschiedenen Tagen oder mit mindestens 6–8 Stunden Abstand.
2. Reihenfolge
Wenn beide Trainingsformen am selben Tag stattfinden mĂĽssen:
Kraft vor Cardio – wenn Muskelaufbau Priorität hat. Eine Studie von Schumann et al. (2014) zeigte: Cardio vor Kraft reduziert die Testosteron-Antwort und erhöht Cortisol.
3. Art des Cardios
Nicht jedes Cardio ist gleich. Die Interferenz variiert je nach Modalität:
Hohe Interferenz:
- Laufen (hohe exzentrische Belastung, besonders fĂĽr Beine)
- Langes, intensives Ausdauertraining
Geringe Interferenz:
- Radfahren
- Rudern
- Schwimmen
- Kurzes, moderates Cardio
Eine Studie von Wilson et al. (2012) fand: Radfahren interferiert weniger mit Kraftzuwächsen als Laufen.
Trainingsplanung nach Ziel
Ziel: Muskelaufbau
Priorität: Krafttraining
- Krafttraining: 3–4×/Woche
- Cardio: 1–2×/Woche, moderat, bevorzugt Radfahren
- Cardio nicht direkt vor Beintraining
Ziel: Allgemeine Fitness
Balance zwischen beiden
- Krafttraining: 2–3×/Woche
- Cardio: 2–3×/Woche
- Mindestens 1 Ruhetag pro Woche
Ziel: Fettabbau
Kaloriendefizit wichtiger als Trainingsform
- Krafttraining: 3Ă—/Woche (Muskelerhalt!)
- Cardio: Nach Belieben, aber nicht auf Kosten der Regeneration
- NEAT erhöhen (Alltagsaktivität)
Eine Studie von Villareal et al. (2017) zeigte: Krafttraining während einer Diät erhält mehr Muskelmasse als Cardio allein.
Ziel: Ausdauer-Event
Priorität: Sportartspezifisches Training
- Ausdauertraining: 3–5×/Woche
- Krafttraining: 1–2×/Woche
- Kraft als Ergänzung zur Verletzungsprävention
Interessanterweise zeigt die Forschung (Rønnestad & Mujika, 2014): Krafttraining verbessert die Ausdauerleistung, insbesondere die Laufökonomie.
HIIT vs. Zone 2
High-Intensity Interval Training (HIIT)
- Zeiteffizient (15–25 Minuten)
- Hoher Kalorienverbrauch
- Verbessert VO2max schnell
- Aber: Belastet das Nervensystem, limitierte Häufigkeit (2–3×/Woche)
Zone 2 Training (LISS)
- Längere Einheiten bei niedriger Intensität
- Baut aerobe Basis auf
- Fördert Mitochondrienbiogenese
- UnterstĂĽtzt aktive Erholung
Eine Studie von Seiler (2010) zeigte: Elite-Ausdauersportler trainieren ~80% ihrer Zeit in Zone 2. Dieses “polarisierte Training” ist oft effektiver als moderate Intensitäten.
Empfehlung: Mix aus 1–2× HIIT und 1–2× Zone 2 pro Woche.
Beispiel-Wochenpläne
Muskelaufbau-Fokus
| Tag | Training |
|---|---|
| Mo | Kraft – Oberkörper |
| Di | Leichtes Radfahren (30 Min) |
| Mi | Kraft – Unterkörper |
| Do | Ruhe |
| Fr | Kraft – Ganzkörper |
| Sa | Zone 2 Cardio (40 Min) |
| So | Ruhe |
Ausgewogene Fitness
| Tag | Training |
|---|---|
| Mo | Kraft – Oberkörper |
| Di | HIIT oder Laufen |
| Mi | Kraft – Unterkörper |
| Do | Leichtes Cardio oder Yoga |
| Fr | Kraft – Push/Pull |
| Sa | Längere Ausdauereinheit |
| So | Ruhe |
Regeneration beachten
Kombiniertes Training bedeutet mehr Gesamtbelastung. Die Regeneration muss entsprechend angepasst werden:
- 7–9 Stunden Schlaf
- Ausreichend Protein (1,6–2,2 g/kg)
- Deload-Wochen alle 4–6 Wochen
- Auf Ăśbertrainingssymptome achten
Fazit
Der Interferenz-Effekt existiert, ist aber für die meisten Freizeitsportler kein Problem. Mit der richtigen Planung – zeitliche Trennung, geeignete Cardio-Modalität, angepasstes Volumen – profitierst du von beiden Trainingsformen.
Quellen:
- Wilson JM et al. (2012). Concurrent training: a meta-analysis examining interference of aerobic and resistance exercises. Journal of Strength and Conditioning Research.
- Robineau J et al. (2016). Specific Training Effects of Concurrent Aerobic and Strength Exercises Depend on Recovery Duration. Journal of Strength and Conditioning Research.
- Rønnestad BR & Mujika I (2014). Optimizing strength training for running and cycling endurance performance: A review. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports.
- Schumann M et al. (2014). Acute neuromuscular and endocrine responses and recovery to single-session combined endurance and strength loadings. Applied Physiology, Nutrition, and Metabolism.
- Villareal DT et al. (2017). Aerobic or Resistance Exercise, or Both, in Dieting Obese Older Adults. New England Journal of Medicine.
Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschliesslich zu Bildungszwecken und ersetzen keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen konsultiere bitte eine Fachperson.